GIUBBE ROSSE IST JENE SACHE...
Das berühmte Florentiner Caffe von den Ursprüngen bis zu unseren Zeiten.
Erstes Kapitel: Die Zerstörung des Alten Marktes, welcher mit der nie beliebten Piazza Vittorio Emanuele II, (Vittorio Emanuele II Platz) heute Piazza della Repubblica, (Republikplatz) genannt, ersetzt wurde, und wo wir das Caffe Le Giubbe Rosse (Die Roten Westen) finden.
Am Ende des 19. Jahrhundert entschied die Verwaltung von Florenz das antike Quartier des Alten Marktes niederzureißen und an seiner Stelle den neuen Platz dem Vittorio Emanuele II zu widmen.
"Non fu giammai cosi nobil giardino / come a quel tempo egli è Mercato Vecchio / che l'occhio e il gusto pasce al fiorentino, Mercato Vecchio nel mondo è alimento, / A ogni altra piazza il pregio serra. (Nie hat es einen nobleren Garten gegeben, / als der Alte Markt es war, / es weidete sich das Auge und der Geschmack des Florentiner daran. / Der Alte Markt ist Nahrung für die Welt. / Der Vorteil aller Plätze er enthält.") so sang im 14.Jahrhundert der Poet Antonio Pucci".
Wahr ist, dass nach dem Prunk des Mittelalters jener Ort unvermeidlich heruntergekommen war. 1881 veröffentlichte der Journalist Jarro ein Anklagebuch, "Firenze sotteranea" (Die Unterwelt von Florenz), in welchem er das Zentrum der Stadt als einen Hort von Verbrechern und Prostituten beschrieb.
Viele Episoden von denen darin berichtet wurde, waren zweifellos übertrieben und kunstvoll verdreht. Aber das Aufsehen, welches dieses Buch erregte, überzeugte die "Besserwisser" der Notwendigkeit, sauberen Platz zu machen, um das Quartier von all jenen Lasterhaftigkeiten zu befreien.
"Telemaco, weinst Du über die Schweinereien die niederkommen?" fragte scherzend ein Ingenieur der Gemeinde den Telemaco Signorini, der unerschrocken weiterfuhr, die antiken Gassen während des Niederreißen zu malen. "Nein, ich weine über die Schweinereien die raufkommen" antwortete der Maler.
Künstler, Dichter, Männer der Kultur haben der Gemeinde nie verziehen, historische und künstlerische Denkmäler von unvergleichbarer Wichtigkeit zerstört zu haben. Türme, Kirchen, Paläste, Gassen und kleine Plätze hätten leicht mit einer sorgfältigen Restaurierung ihren Wert zurückgewinnen können. Heute sind diese nur dank der Gemälde der Maler und den alten Fotos von Borgi und Alinari bekannt.
Aber was am wenigsten gefiel, war eben der anmaßende Vittorio Emanueleplatz mit seinem plumpen Triumphbogen, der 1895 eingeweiht wurde.
Die florentinischen Poeten besangen den neuen Platz ganz anders, als es Pucci getan hatte: "Hässlicher Platz, Kupplerplatz, gemeiner Provinzplatz, wo alles mit der Plumpheit in Einklang steht, wo alles so harmonisch verworren und hässlich ist, schlecht geplant und noch schlimmer gebaut wurde," verteuerte der Humorist Vamba die Dosis.
"Es ist der unästhetischste und bürgerlichste Platz, den es auf der Welt geben kann: Der Vittorio-Emanuele II-Platz ist quadratisch und auf drei Seiten von mittelmäßigen Palästen geschlossen. Auf der vierten wird er mit dem vulgärsten Säulengang, welchen Menschenverstand je hätte sich ausdenken können, durchlöchert. Mitten im Quadrat triumphiert eine aufgeblasene Reiterstatue, den großen Koenig darstellend. Und als ob all das nicht genügte, überragt eine scheußliche Gips- oder Alabastergruppe, welche aus einer Frau und Engeln mit langen Trompeten besteht, den zentralen Torbogen der Säulenhalle. Eine Riesentafel erinnert den unaufmerksamen Buerger und Fremden , dass hier das antike Stadtzentrum von hundertjährigem Elend zu neuem Leben zurückgerufen worden war."
"Dies genügte, um selbst den heiligen Antonius einen Futuristen werden zu lassen!"
Diese Worte von Albert Viviani können uns zu verstehen geben, warum die Avantgarde von Florenz ihr Generalquartier eben im Vittorio-Emanueleplatz aufstellte und zwar in den nun mehr mythisch gewordenen Säalen des "Giubbe Rosse" Caffes. Es war das erste Lokal, das genau an der Stelle eröffnet wurde, wo sich im Alten Markt eine antike Weinstube befunden hatte.
Sie war von zwei deutschen Bierbauer, den Gebrüdern Reininghaus, gegründet worden, welche diesen Ort zum Treffpunkt der vielzähligen deutschen Gemeinde werden ließen. Alberto Viviani hat uns das lebhafteste Gedächtnis des berühmten Caffes gelassen: "Zwei große Glastüren, eine geschlossen und eine, welche als Eingang diente, waren überragt von einem massiven Holzfliess mit einem Engel der gierig Bier trank und unten stand großgeschrieben: "Reininghaus". Viele Bogenlampen, von denen man heute nur noch in Paris findet und die ein eigenartiges beruhigendes Licht ausströmen, glänzten am Eingang.
Die Kellner, in eng anliegenden rotflammenden Smoking gekleidet, und mit einer weiten, weißen Schürze umgebunden, welche alle wie einen Rock einfasste, gaben der Umgebung eine Note origineller Heiterkeit, welche man nicht leicht vergaß. Im ersten Saal mit den Wänden voll von geschliffenen Spiegeln saßen gelassen rundliche Deutsche in der Lektüre der "Die Woche" und des "Berliner Tagblatt" vertieft mit einem enormen Glasstiefel voll dunklem Bier in Reichweite; manch ein altes Fräulein fixierte mit extatischen und bestürtzten Augen die Decke.
Der zweite kleine Saal, in welchem tagsüber wenige internationale Päarchen unter dem sanften Lampenlicht die Ruhe suchten, wurde des Abends als Restaurant gebraucht. Die "Giubbe Rosse" war mit den Zeitungen und Wochenschriften der ganzen Welt versehen, und dies war wohl der Grund, warum so viele Ausländer das Lokal besuchten. Die ersten zwei Säale hatten mehr den Anschein eines Lesezirkels als eines Caffes.
Einige Typen hatten im Hintergrunde des dritten Saales einen florentinischen Schachklub gegründet und zahlten eine kleine Monatsmiete dafür. Es waren methodische und melancholische Leute par excellence, fast alles Kanzler oder Magister des Appellationsgerichtes, Apotheker, Ingenieure ohne Pläne und Advokaten ohne Prozesse.
Aber die schläferige Ruhe des Caffes wurde zerrüttet, als 1913 der dritte Saal das Stammlokal der "Lacerba"-Gruppe wurde und d.h. der florentinischen Futuristen. Nichts halfen die Proteste der Schachspieler. Schnell verbreitete sich der Vers:
" Giubbe Rosse è quella cosa
che ci vanno i futuristi,
se discuton non c'è cristi,
non puoi più giocar a dam..."
("Giubbe Rosse ist jene Sache,
wohin die Futuristen gehen,
wenn diskutiert wird, da gibt's kein' Christus
mit dem Damespielen ist es Schluss...")
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